Tschüß Tegel

Schade, das war’s endgültig. Heute Abend endet der reguläre Linienverkehr auf Tegel „Otto Lilienthal“ und damit ist dieser einzigartige Flughafen Geschichte. Ich betrachte das mit einer gewissen Wehmut, wenn auch meine letzten Berlin Flüge, der Corona Pandemie geschuldet, schon einige Zeit her sind. Mit dem „Flughafen der kurzen Wege“, der zur Zeit der Blockade West-Berlins entstand, schließt nach Berlin-Tempelhof, im Oktober 2008, der nächste geschichtsträchtige Flughafen Berlins. Mit beiden verbinden mich sehr viele persönliche Erinnerungen, ebenso wie mit dem Flughafen Berlin Schönefeld, der als Terminal 5 in den am 30. Oktober 2020 neu eröffneten Flughafen BER „Willy Brandt“ integriert wurde. Die drei IATA-Codes TXL, THF und SXL sind somit für immer aus der Luftfahrt verschwunden, die schönen Erinnerungen bleiben.

Ben Wagins Weltenbaum

Als ich vor 40 Jahren diese farbig gestaltete Brandmauer fotografierte, hatte Ben Wagins „Weltenbaum“ an der S-Bahn Station Tiergarten, der als das erste Berliner Mural gilt, bereits fünf Jahre auf dem Buckel. Einige Jahrzehnte später waren die Farben des 1975 entstandenen Wandbildes dann verblaßt und teilweise abgeblättert, und zudem war die Brandmauer des Hauses Siegmunds Hof 21 von respektlosen Sprayern getagged und zugeschmiert. Ende des Jahres 2017 verschwanden die unansehnlichen Überbleibsel des „Weltenbaums“ langsam und endgültig hinter einem neuen Bürogebäude, das auf dem bis dahin brachliegenden Grundstück, an der Ecke Wegelystraße/Bachstraße errichtet wurde. Bei Einigen war die Wertschätzung des historischen Wandbildes offenbar ungebrochen, und so ließ eine Gruppe junger Streetart-Künstler den Weltenbaum im Rahmen eines Wandmalerei-Festes zu Pfingsten 2018 auf einer Hausfassade in Moabit an der Lehrter Straße 27–30 neu erstehen.

Heute vor 40 Jahren

Aus irgendeinem mir nicht mehr erinnerlichem Grund hatte ich das „Led Zep“ Konzert am 24. Juni 1980 in Hannover versäumt. Nachdem mir anschließend jeder erzählte, was ich Großartiges verpaßt hatte, rief ich meinen Kumpel Dierk an, und bat ihn, mir unbedingt ein Ticket für das kommende Berlin Konzert zu besorgen. Das klappte glücklicherweise auch, und so standen wir dann gemeinsam am 7. Juli in der Eissporthalle und zogen uns das Abschlußkonzert der „Tour over Europe 1980“ rein, ohne allerdings zu wissen, daß dieses das allerletzte Konzert der Original-Formation sein würde. Einige Wochen später starb John Bonham, der gigantische Drummer der Band, während der Proben für die geplante USA-Tour. Kurze Zeit nach dem Tod Bonzos, der angeblich stark alkoholisiert im Schlaf an Erbrochenem erstickte, löste sich Led Zeppelin offiziell auf. Dieses Berlin Konzert, mit dem Mix aus gefühlvollen Balladen und absoluten Power-Brett-Songs, war somit ein einzigartiges Erlebnis und erhielt tragischerweise eine historische Dimension.

Die Setlist des Abends:

-Train Kept a Rollin‘,
-Nobody’s Fault But Mine,
-(Out On the Tiles intro) Black Dog
-In The Evening
-Rain Song
-Hot Dog,
-All My Love
-Trampled Underfoot
-Since I’ve Been Loving You
-White Summer / Black Mountainside
-Kashmir
-Stairway to Heaven
-Rock and Roll
-Whole Lotta Love.

Christo †

Heute verstarb der im Jahre 1935 in Bulgarien als Христо Владимиров Явашев geborene Künstler Christo im Alter von 84 Jahren. Leider kann dieser großartige Künstler, der nach dem Tod seiner kongenialen Partnerin Jeanne-Claude, im Jahre 2009, solo weiterarbeitete, sein für den Herbst dieses Jahres geplantes letztes Projekt, die Verhüllung des Pariser „L‘Arc de Triomphe“, nun nicht mehr realisieren. Am 28. Juni 1995 bot mir ein in Berlin stattfindendes Meeting glücklicherweise die einmalige Gelegenheit, die von Christo und Jeanne-Claude geschaffene Installation „Verhüllung des Reichstags“ zu bewundern, die bereits am 7. Juli, wenige Tage nach der am 24. Juni erfolgten Fertigstellung, wieder demontiert.wurde

Weihnachtsmarkt Breitscheidplatz

Nach dem Weihnachtsmarkt auf den Budapester Vörösmarty tér hat es mich nun auch auf die Berliner Weihnachtsmärkte vor dem Roten Rathaus und vor allem dem an der Gedächtniskirche gedrängt. Das ist für meine Verhältnisse, ich bin eigentlich kein Freund von Massenveranstaltungen und kein passionierter Weihnachtsmarktgänger, fast schon ein Übermaß. Andererseits bin ich aber auch der Meinung, man muß nach dem vor nun bald drei Jahren verübten verheerenden und feigen Anschlag auf dem Breitscheidplatz Flagge zeigen, und sich gegen Einschüchterungen, von wem auch immer, zur Wehr setzen. …außerdem gab es da ja auch eine Bude mit leckeren polnischen Spezialitäten.

Am 9. November 1989, kurz vor 19:00 Uhr…

…verkündete das Mitglied des Politbüros der SED, Günter Schabowski, auf einer Pressekonferenz im Internationalen Pressezentrum in Ost-Berlins Mohrenstraße 36–37 mit seinem gestammelten Satz

„Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“

versehentlich die Öffnung der Mauer!

Diese Aussage erfolgte auf die Anfragen verschiedener anwesender Journalisten zu den neuen Reiseregelungen der DDR und zum Inkrafttreten einer Übergangsregelung, die die voraussetzungunsfreie Ausreise der DDR-Bürger erlauben sollte. Das alles wurde live im West- und im DDR-Fernsehen übertragen, und bereits kurze Zeit später standen die ersten Ost-Berliner an der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße und verlangten nach Ausreise. Um 21:20 wurden die ersten Grenzübertritte gestattet, und um 22:30 Uhr befahl Oberstleutnant Harald Jäger, ob der aufbegehrenden Menschenmassen verängstigt, eigenmächtig, die Grenzübergangsstelle zu öffnen und die Passkontrollen einzustellen.In dieser Nacht passierten Tausende die Grenze, „um nur mal zu schauen“, liefen ein bißchen durch West-Berlin, und kehrten im Anschluß freudetrunken zurück nach Hause in den Ostteil der Stadt. Die friedlichen Revolution, im Vorfeld eingeleitet durch die mutigen Massenproteste und Demonstrationen der oppositionellen DDR-Bevölkerung, begünstigt aber auch durch die Duldung seitens der Sowjetunion, und die Aktionen in Ungarn und Tschechien, war vollzogen, die Mauer war gefallen! Die Euphorie in Ost und West war unbeschreiblich groß, und bereits tags darauf hörte man überall im Westen das „bem bem bem“ der Trabant- und Wartburg-Zweitaktmotoren und die Luft war geschwängert von den Gemisch-Abgasen. …so erlebte ich das damals in Hannover. In den wenigen Tagen bis zum 20. November wurden Westdeutschland und West-Berlin von über elf Millionen Ostdeutschen besucht, das konnte man leicht an der Inanspruchnahme des einmaligen Begrüßungsgeldes in Höhe von 100 DM errechnen. Mein, nach dem Mauerfall, erster Besuch West-Berlins sollte erst Mitte Dezember ’89 stattfinden, denn ich war damals zu beschäftigt, um das Geschehen vor Ort zeitnah in Augenschein zu nehmen. Von dort aus machte ich mich, wie so oft zuvor, auf nach Ost-Berlin, und passierte, allerdings ohne die vormals so rigiden Kontrollen, über die kurzfristig neu eingerichteten provisorischen Übergangsstellen „Potsdamer Platz“ und „Brandenburger Tor“, die Grenze, die noch bis zum ersten Juli 1990 bestehen sollte. Als symbolischen Willkommensgruß, reihte ich mich mit meinem Kumpel Dierk mit „Hammer und Meißel“ bewaffnet in das Heer der „Mauerspechte“ ein, um das von den ehemaligen DDR-Machthabern euphemistisch als „Antifaschistischer Schutzwall“ bezeichnete Schandmal umzukloppen. So erinnere ich diese geschichtsträchtigen Ereignisse, die so viel für Deutschland, Europa und die Welt verändern sollten. Betrachte ich heute die weitere geschichtliche Entwicklung, neige ich jedoch leider dazu, diesen damaligen Umbruch als „verpaßte Chance“ zu bewerten.

Clärchens, die Letzte!


Tja, das war’s nun also für mich. Ein letzter Swing-Abend im Ballhaus, noch einmal ganz großes Kino mit den üblichen Darstellern, den meisterhaften Tänzern, den beflissenen Tanzanfängern, den spinnerten Selbstdarstellern, den routinierten Kellnern und natürlich der unbeschreiblich fröhlich lockeren Atmosphäre, die ich hier so viele Jahren genoß, ohne ein einziges Mal selbst getanzt zu haben. Am 31. Dezember fällt hier nach 105 Jahren der Vorhang, und mich führt vorher voraussichlich nichts mehr nach Berlin. Das schreibe ich mit einer tief gefühlten Wehmut, denn hier verschwindet etwas Unwiederbringliches. Vom neuen Eigentümer Yoram Roth ist angeblich geplant, nach einer vermutlich langwierigen Gebäudesanierung, den Tanzbetrieb mit neuen Pächtern wieder aufzunehmen. Ich habe allerdings meine Zweifel, ob es ohne die Geschichte atmende Patina und mit einem vermeintlich neuen Finanzkonzept gelingen wird, die so lange konservierte 20er Jahre Atmosphäre wieder aufleben zu lassen. So verabschiedete ich mich gestern von diesem Berliner Kleinod traurig mit einem letzten Gruß. Es war eine tolle Zeit!