Die Stützen der Gesellschaft

Bei meinem gestrigen Besuch der wiedereröffneten Neuen Nationalgalerie bekam ich nach langer Zeit wieder eines meiner All-Time-Lieblingsbilder zu sehen. Das von George Grosz, in Anspielung auf Ibsens Drama, im Jahr 1926 gemalte „Die Stützen der Gesellschaft“, das zornig mit beißendem Spott die damaligen politischen Verhältnisse zum Ausdruck brachte, half Grosz vermutlich nur diese schmerzvolle Realität zu verarbeiten. Wie die Geschichte später zeigte, konnte das Gemälde der breiten Masse nicht zur Warnung gereichen. Bild und Textafel im Untergeschoss der Neuen Nationalgalerie.

Grünspan, Hamburg St Pauli

Mitte der 70er Jahre, die ersten Compañeros hatten irgendwie ihre Führerscheinprüfung bestanden, und woher auch immer, standen unserer Clique ruckzuck irgendwelche Fahrzeuge zur Verfügung. Diese neue Mobilität, gepaart mit unserem Erlebnishunger, ließ uns unsere Wochenendaktivitäten oft ins verheißungsvolle Hamburg verlegen. Meistens ging es in den Grünspan, ein zu einer Diskothek umgebautes altes Kino, in dem wir uns bei absolutem Brett-Sound regelmäßig die Nächte um die Ohren schlugen. Morgens schusselten wir dann oft noch auf den Fischmarkt, und ich weiß übrigens bis heute nicht, was wir dort wollten, denn in der Regel waren wir alle nicht nur komplett pleite, sondern auch komplett platt, und jeder wollte sich eigentlich nur noch ablegen. In besagtem Grünspan waren damals nicht nur Musik- und Lichtanlage State of Art, auch die Akustik der Räumlichkeiten mit satten neun Metern Deckenhöhe und eine irre Lightshow „schockten“. Dazu passend hatte der Laden auch noch diese abgefahren poppige Außenfassade. Der Eingangsbereich in der Großen Freiheit 52 und auch die ca. 70 m lange Außenmauer entlang der Simon-von-Utrecht-Straße wurden bereits im Jahre 1968 von Jürgen Klossowski nach Entwürfen der Pop-Art Künstler Dieter Glasmacher und Werner Nöfer kunstvoll gestaltet, damals eine absolute Sensation. Zu meiner großen Freude existiert dieses frühe Mural, zwar verwittert, teiweise abgeblättert und mit Graffiti getagged, heute immer noch, und weckt bei mir schöne und wertvolle Erinnerungen an mein „Coming of Age“ und das „Alles geht“- Lebensgefühl dieser irren 70er Jahre.

Vernissage „Wilde Zeiten“

Heute Abend war Ausstellungseröffnung in der GAF, und viele von denen, die in den 80ern durch die Gegend stolzierten, taumelten oder in ihr herumsprangen, kamen zu diesem „Klassentreffen“, um ED, seine Bilder und sein Buch, oder auch sich selbst zu feiern. Die meisten der alten Bekannten hatte man lange, einige seit Jahrzehnten, nicht gesehen, und es war schon spaßig, das heutige Erscheinungsbild mit den Porträts in dem vorgestellten Buch zu vergleichen. Die künstlerisch wie technisch hervorragenden Fotos sind aber nicht nur einzigartige Zeitdokumente, die die eigenen Erinnerungen perfekt abbilden, ergänzen oder auch revidieren. Sie machen darüber hinaus auch schmerzlich bewußt, wieviele der Abgebildeten, denen hat Burkhardt mit seinem großartigen Buch ein dauerndes Andenken geschaffen hat, bereits „vor ihrer Zeit“ gegangen sind. Ich freue mich unglaublich über das vorgelegte Werk, und möchte Burkhardt Ed Rump meine aufrichtige Anerkennung und meinen herzlichen Dank aussprechen.

Erster Eindruck, schön geworden

Nach achtjähriger Bauzeit und mehrfachen Verzögerungen fand am 20 Juli 2021 die feierliche Eröffnung des Humboldt-Forums statt, nachdem es am 16. Dezember 2020 wegen der Corona-Pandemie zunächst nur digital eröffnet wurde. Dieses neue Zentrum für Kultur, Kunst und Wissenschaft gilt mit den geschätzten Baukosten von 680 Millionen Euro derzeit international als eines der ambitioniertesten Kulturprojekte. In den ersten 100 Tagen haben Besucher die Möglichkeit das Humboldt-Forum kostenfrei kennenzulernen, müssen sich aber zur Zeit für einige Ausstellungen rechtzeitig ein Zeitfenster-Ticket reservieren. Für die Ausstellung „Videopanorama – Geschichte des Ortes“ und den Skulpturensaal benötigte ich keine Reservierung. Das Zeitfenster-Ticket für den Schloßkeller bekam ich an diesem Morgen problemlos an der Kasse in der Agora.
Alle drei Ausstellungen waren sehr sehenswert und informativ.

Die letzten Tage der Menschheit

Es fällt mir schwer, das in der Spandauer Belgienhalle Erlebte in Worte zu fassen. Paulus Mankers Inszenierung des Krausschen Dramas „Die letzten Tage der Menschheit“ sprengt den Rahmen all dessen, was ich jemals auf einer Bühne sah. Als Publikum, und somit gleichzeitig Akteur des Spektakels, brauchte man einen langen Atem, denn das siebeneinhalbstündige Stück, bei dem zwar „nur“ 75 der ursprünglich 220 Szenen, teilweise zeitgleich, aufgeführt wurden, war wirklich erschöpfend und überwältigend. In vielen Medien und dem Feuilleton wurde schon lang und ausführlich über diese großartige Produktion berichtet, und ich würde hier deshalb gerne nur einige meiner Impressionen des gestrigen Abends in Form von Fotos einstellen. Um wegen des Urheberrechts keinen auf die Birne zu bekommen, holte ich das Einverständnis dafür von Paulus Manker ein. Auch dafür noch einmal vielen Dank!